Verbraucher in der Kritik: Sind die Deutschen bei der Ernährung zu geizig?

Verbraucherministerin Ilse Aigner hat es in diesen Tagen nicht leicht. Während sich die heimische Landwirtschaft auf der Grünen Woche versucht, so grün wie möglich zu zeigen, sorgen immer wieder Meldungen über Antiobiotika-Missbrauch und andere Lebensmittelskandale für Schlagzeilen. In einem Interview mit der BILD-Zeitung schiebt die Ministerin dem Verbraucher den schwarzen Peter zu: „Viele könnten bei Lebensmitteln auch ein paar Euro mehr ausgeben“, behauptet Aigner im BILD-Interview mit TV-Koch Tim Mälzer.

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Achten deutsche Verbraucher zu wenig auf Qualität bei Lebensmitteln?

Die Deutschen würden sich zu viel mit „neuer Technik, Handys und Autos“ beschäftigen anstatt auf gesunde Ernährung zu achten, moniert Ilse Aigner. Immerhin bemüht sie in der Lebensmitteldebatte nicht das abgedroschene Beispiel mit dem billigsten Olivenöl und dem teuersten Motoröl, für das sich Otto Normalverbraucher hierzulande angeblich in der Regel entscheidet.

Gerne möchte man die ebenfalls reichlich abgedroschenen Beispiele Frankreich oder Italien hinzuziehen, um der Verbraucherministerin beizupflichten: Immer noch hält sich das positive Vorurteil, Franzosen und Italiener würden viel mehr Geld für gute Lebensmittel ausgeben als die Deutschen. Doch die Zahlen haben dieses Klischee längst eingeholt. Beim Preisniveau für Nahrungsmittel liegt Deutschland mittlerweile über Frankreich und Italien, stellt Eurostat fest.

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Deutsche setzen zunehmend auf Bio

Der Bio-Boom in Deutschland ist ein weiteres Indiz dafür, dass Aigner mit ihrer Annahme nicht ganz richtig liegt: Die mittlerweile 22.000 Bio-Bauernhöfe in Deutschland können der steigenden Nachfrage nicht gerecht werden. Bio-Lebensmittel werden importiert. Auch hier lohnt sich ein Blick auf die viel zitierten kulinarischen Vorbilder Frankreich und Italien. Während in Deutschland der Biolebensmittel-Umsatz 2009 pro Kopf bei über 70 Euro lag, betrug er in Frankreich deutlich unter 50 Euro und in Italien sogar nur 25 Euro, besagt eine Studie des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Zwar liegt der Anteil der Bioprodukte hierzulande insgesamt erst bei mageren 3,4 Prozent. Bei einzelnen Produkten wie beispielsweise Eiern lag der Anteil der Bioware aber schon 2007 bei 11 Prozent. Aktuelle Zahlen will der BÖLW im Februar veröffentlichen.

Verbraucherverbände kritisieren Ilse Aigner

Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, ob die Verbraucher in Sachen Ernährung tatsächlich zu geizig sind oder ob die Politik nicht genug tut, um die Entwicklung hin zur nachhaltigen Bio-Gesellschaft zu beschleunigen. Zur Eröffnung der Grünen Woche präsentierte Verbraucherministerin Aigner ihre lange angekündigte Charta für Landwirtschaft & Verbraucher. Das Ziel des Projekts: Mehr Tierschutz, mehr Lebensmittelsicherheit und mehr Nachhaltigkeit in der Branche.

Ein Aspekt von Aigners Projekt: Die Öffnung von Bio-Fördermitteln auch für Landwirte, die nur an vereinzelten Stellen nachhaltig wirtschaften. Für Verbraucher- und Ökoverbände ist das ein katastrophales Signal. „Das einzige Instrument des Engagements für die Ökolandwirte, das die Bundesregierung hatte, hat sie damit aufgegeben“, sagt der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein gegenüber dem ZDF.

Auch die Zurückhaltung der Verbraucherministerin, was ein Antibiotika-Verbot in der Tierhaltung angeht, wird dieser Tage von Verbraucherschützern scharf kritisiert. Die Ministerin stecke mit der Agrarlobby unter einer Decke, behauptet NRW-Landwirtschaftsminister Johannes Remmel und kritisiert Aigners Zögern, die Futtermittelverordnung zu reformieren.

Halbherzig, unausgegoren, mutlos: So beschreiben Kritiker die Lebensmittelpolitik von Ilse Aigner. Egal ob Lebensmittelampel, Futtermittelverordnung oder Verbraucherinformationsgesetz – die Liste der Kritikpunkte ist lang. Vielleicht sollte Frau Aigner erst einmal vor ihrem eigenen Hof kehren, bevor sie dem Verbraucher den schwarzen Peter zuschiebt.

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