Warnwesten für alle Mitreisenden? Abzocke an Autobahn-Raststätten

Den Reiseverkehr in den Süden nehmen einige Raststättenbetreiber offenbar zum Anlass, bei Reisenden nach Österreich und Italien kräftig abzukassieren. An der Kasse werden Kunden darauf hingewiesen, dass Warnwesten in Portugal, Italien und Österreich nun auch für alle Beifahrer zwingend seien. Ein Warnwesten-Aufsteller mit entsprechendem Text soll die Behauptung des Kassierers untermauern. So mancher Österreich-Reisender ist verunsichert und greift sicherheitshalber zu. Doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine dreiste Touristen-Abzocke.

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Wie viele Warnwesten muss man in Österreich mitführen?

„Haben Sie auch schon Warnwesten für Ihre Beifahrer?“, fragt der Kassierer den Kunden, der gerade getankt hat und noch schnell eine österreichische Vignette (Pickerl) kaufen möchte. Viele Kunden der OMV-Tankstelle Köschinger Forst West (Richtung München) schauen ziemlich verdutzt, als der Kassierer sie auf die angebliche „Warnwestenpflicht für alle Fahrzeuginsassen“ hinweist. Keiner der Kunden hat jemals von einem solchen neuen Warnwesten-Gesetz gehört. Doch bevor man eine Strafe riskiert, so denken sich einige, investieren sie lieber das Geld in die zusätzlichen Warnwesten für die Mitfahrer.

Nicht so Stefan Kaufmann, der mit seiner Familie auf dem Weg in den Skiurlaub ist. Er will nicht so recht glauben, was der Kassierer ihm da erzählt und stellt Fragen: Seit wann dieses angebliche Gesetz gelte, kann der Kassierer nicht beantworten. Auf die Frage, woher er diese Information habe, antwortet der Verkäufer „Das hat der Chef gesagt!“ und zeigt zur Bekräftigung auf ein Werbe-Pappschild, das mit dem Logo der Firma „All Ride“ versehen ist und den Verkauf der Sicherheits-Warnwesten ankurbeln soll. Darauf wird folgendes behauptet: „Achtung Auslandfahrer! Warnweste in Italien, Portugal, Spanien und Österreich jetzt auch zwingend für Mitfahrer erforderlich“.

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Stolzer Preis für eine Warnweste im Tankstellen-Shop: 9,99 Euro! Immerhin sind ab der zweiten gekauften Warnweste „nur noch“ 5,- Euro fällig. Zum Vergleich: Im Discounter gibt es Sicherheits-Warnwesten bereits ab 1,49 Euro. Für den Raststätten-Betreiber scheint sich das Geschäft mit der angeblichen Warnwestenpflicht für alle Insassen zu lohnen. Und auch die Firma All Ride dürfte von der Masche des Tankstellenbetreibers profitieren.

Angeblich hohe Bußgelder wegen fehlenden Warnwesten

Dem skeptischen Kunden Stefan Kaufmann gegenüber hat der Kassierer noch ein weiteres Kaufargument parat: Angeblich kassiert die österreichische Polizei für jeden Mitfahrer ohne Warnweste ein Bußgeld in Höhe von 100,- Euro! Bei einem voll besetzten PKW mit nur einer Warnweste wären das 400,- Euro Bußgeld. Da erscheinen 24,99 Euro für vier Warnwesten fast wie ein Schnäppchen!

Warnwesten-Mitführpflicht in Österreich nur für Fahrer

Herr Kaufmann zweifelt an den Aussagen des Kassierers und schaut sicherheitshalber in sein Smartphone, bevor er sich auf den Kauf der zusätzlichen Warnwesten entscheidet. Ein kurzer Blick auf die Seiten des österreichischen Automobilclubs ÖAMTC macht schnell klar: In Österreich gilt die Warnwestenpflicht nur für den Fahrer. Zwar empfiehlt der ÖAMTC, auch für die Mitfahrer Warnwesten mitzuführen, eine Warnwestenpflicht für alle Fahrzeug-Insassen besteht aber nicht! Das Gleiche gilt übrigens auch für Italien, Spanien und Portugal. Und auch das angebliche 100-Euro-Bußgeld für jeden Mitfahrer ohne Warnweste entstammt der Phantasie des Kassierers. Eine realistische Bußgeldhöhe für die fehlende Warnweste beträgt laut ÖAMTC zwischen 14,- und 36,- Euro.

Auf Nachfrage von verbraucher-papst.de bestätigt der ÖAMTC die Informationen auf seiner Website. Der österreichische Automobilclub empfiehlt das Mitführen von Warnwesten für alle Passagiere, falls diese das Fahrzeug wegen eines Unfalls oder einer Panne auf offener Straße verlassen müssen, so Eva Unger vom ÖAMTC. Gesetzlich vorgeschrieben ist das Mitführen der Warnweste aber laut österreichischem Kraftfahrgesetz (KFG) nur für den Lenker des Fahrzeugs. Der größte deutsche Automobilclub ADAC sieht das ähnlich. Katharina Bauer vom ADAC sagt gegenüber verbraucher-papst.de: „Gesetzlich vorgeschrieben ist in Österreich nur das Mitführen einer Warnweste für den Fahrer. Außerdem besteht eine Tragepflicht der Warnweste, wenn jemand das Auto etwa wegen einer Panne am Straßenrand verlassen muss.“ Bei einer Panne oder einem Unfall auf der Autobahn empfiehlt der ADAC, nach dem Aufstellen des Warndreiecks alle Passagiere hinter die Leitplanke in Sicherheit zu bringen und dort auf Hilfe zu warten, so Katharina Bauer weiter. Folgerichtig empfiehlt der ADAC daher das Mitführen von Warnwesten für alle Fahrzeuginsassen, weil in Österreich und anderen Ländern eine Tragepflicht auf offener Straße besteht. Eine gesetzliche Mitführpflicht für alle Passagiere gibt es in Österreich jedenfalls nicht.

Warnwesten erhöhen Sicherheit

Fazit: Zusätzliche Warnwesten im Auto können im Fall einer Panne oder eines Unfalls die Sicherheit der Mitfahrer erhöhen, wenn diese auf dem Seitenstreifen oder gar auf offener Straße aussteigen müssen. Wer sich dafür entscheidet, sollte sich aber die zusätzlichen Warnwesten günstig im Supermarkt kaufen und sich nicht auf die Aussagen dubioser Tankstellenbetreiber verlassen.

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