Aufrunden bitte! Wer bekommt die Spenden von der Supermarktkasse?

Vielen ist es bereits aufgefallen: Das kleine blaue Logo „Aufrunden bitte!“, das an vielen Supermarktkassen angebracht ist. Dezent hängt es da und man bekommt erst auf Nachfrage durch die Kassiererin mitgeteilt, was es damit auf sich hat. Dass man damit die Summe seines Einkaufs auf die nächste 10-Cent-Stelle aufrunden und damit Gutes tun kann. Bis zu 10 Cent können pro Einkauf gespendet werden. Das tut keinem weh, so das Kalkül dahinter. Hinter der dauerhaften Spendenaktion steckt die Stiftungs-GmbH „Deutschland rundet auf“. Seit März 2012 läuft das Projekt in den Märkten zahlreicher großer Einzelhandelsketten. Zwischenzeitlich etwas ins Stocken geraten, soll nun eine Werbekampagne Abhilfe schaffen. Doch wie wird kontrolliert, ob die Supermärkte die Spenden auch abführen? Und wer bekommt die Spenden überhaupt? Das sind Fragen, die sich viele Verbraucher stellen. Das Projekt selbst verspricht größtmögliche Transparenz.

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Deutschland rundet auf – wie funktioniert es und wer steckt dahinter?

„Aufrunden bitte!“ – viele deutsche Verbraucher kennen mittlerweile die Werbe-Aushänge und Buttons mit dem Logo der Spendenaktion an den Supermarktkassen. Dahinter steckt eine Stiftungs-GmbH, die der ehemalige Bertelsmann-Musikmanager Christian Vater 2009 ins Leben gerufen hat. Das Konzept ist einfach: Kunden haben in den teilnehmenden Läden die Möglichkeit, beim Einkaufen an der Kasse zu spenden, indem sie die Summe einfach auf die nächsten zehn Cent aufrunden. So kann man zwischen einem und maximal zehn Cent spenden.

Die Händler rechnen die gespendeten Centbeträge der Kunden dann elektronisch ab und überweisen das Geld an die Stiftungs-GmbH “Deutschland rundet auf”, die das Geld wiederum an soziale Projekte vergibt. „Wenn nur jeder Zehnte der 50 Millionen Kunden, die jeden Tag im deutschen Einzelhandel einkaufen, mitmacht, kommen 90 Millionen Euro im Jahr zusammen“, so die optimistische Einschätzung des Initiators Christian Vater zum Start der Aktion im März.

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Spenden bleiben hinter den Erwartungen zurück

Mittlerweile sind erste Zahlen da. Auf der Homepage des Projekts versprachen die Initiatoren Transparenz sowie die monatliche Veröffentlichung der Zahlen. „Aufrunden bitte!“ hat hier Wort gehalten. So sieht man, dass zum Start der Aktion im März über 95.000 Euro zusammenkamen und weit über 2 Millionen mal deutschlandweit aufgerundet wurde. Die Summe liegt zwar weit hinter den Erwartungen zurück, aber dennoch ein recht guter Wert für den ersten Monat.

Seitdem gehen die Zahlen aber bis auf August kontinuierlich zurück. Bereits im April fiel die Zahl der Aufrundungen auf unter 2 Millionen, um schließlich im Juli auf etwas über 1,6 Millionen zu sinken. Lediglich im August konnte der Trend gestoppt werden. In einer Pressemitteilung Anfang September spricht die Stiftung dennoch von einem Erfolg. Über 9 Millionen mal hätten Verbraucher an der Kasse aufgerundet. Ungefähr 450.000 Euro sind dabei im ersten halben Jahr des Bestehens eingenommen worden. Das Projekt spielt zwar Geld ein, doch von den anfangs in den Raum gestellten 90 Millionen Euro Spenden pro Jahr liegen die 450.000 Euro im ersten halben Jahr um das 100fache unter den Erwartungen. Ein Erfolg?

Ja, findet Initiator Christian Vater. Dass es Einbrüche geben würde nach dem von einer Medienkampagne begleiteten Start im März, sei erwartbar gewesen. Außerdem, so Vater, seien die mittlerweile 480.000 Euro ein guter Wert: „Dies ist Geld, was es ansonsten für den sozialen Sektor nicht gegeben hätte und darüber freuen wir und unsere Spendenprojekte uns enorm.  Mit der Einführung einer neuen, demokratischen Form des Spendens war es uns ferner besonders wichtig, – anders als andere Spendenorganisation – keinen „sozialen Druck“ auszuüben oder ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. Stattdessen wollen wir erreichen, dass Gutes tun Spass macht und so selbstverständlich ist wie Trinkgeld geben, daher wird der Kunde nicht aktiv gefragt oder angebettelt sondern ergreift allein die Initiative indem er freiwillig „Aufrunden bitte!“ sagt“.

Weitere Werbekampagne soll Projekt neuen Schwung geben

Jetzt soll eine Werbekampagne dem Projekt neuen Schub verleihen. „Unter dem Motto ‚Aufrunden bitte!‘ zeigen TV- und Radio-Spots sowie Anzeigen der Bevölkerung, wie einfach es ist, mitzumachen“. Ob nun Verbraucher nicht verstehen, wie einfach man hier spenden kann, sei dahingestellt. Als verbraucherpapst.de zum Start der Aktion im März darüber berichtete, hatten unsere Leser ganz andere Probleme mit der Aktion. So schreibt Leser „Minigurke“: „Spenden ist wichtig. Gern auch für die Zukunft unserer Kidz. Aber ich suche mir meine Spendenprojekte lieber selbst aus und prüfe sie“.

Viele Leser trauen der Stiftung nicht über den Weg. So schreibt Leserin Ela: „(…) die können erzählen was die wollen, ich glaub denen nicht die bohne. ein 6-jähriges kind sogar weiss, dass gelder NIEMALS!! in vollem umfang dahin gelangen, wo uns vorgegaukelt wird. der grösste teil davon gelangt zu denen, die es weder verdient haben, noch brauchen. sachspenden gebe ich gern“. Und Leser Christian B. pflichtet bei: „Eine solche Aktion kann man doch überhaupt nicht effektiv kontrollieren. Fangen wir bei den Kassierern an. Wer weiss denn ob die nicht in ihre eigene Tasche wirtschaften. Man bräuchte also neue Kassensysteme um diesem Missbrauch vorzubeugen – doch WER macht und vor allem bezahlt dies? “

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Leserin „Vereinstante“ findet überdies die Auswahl der Projekte, die die Spenden erhalten sollten, fraglich: “ Ich kann gar nicht verstehen, wie aus einer angeblichen Vielzahl von Bewerbern diese nun “förderwürdigen” Projekte ausgewählt werden konnten. Wer konnte sich wo und wann um Förderung bewerben? Zu lesen ist nur, dass man doch bitte von Bewerbungen um Spenden aus diesem Topf absehen solle, die gewünschte Menge an Cents, die das Projekt einfahren soll ist offensichtlich schon verplant“.

Viele weitere Fragen beschäftigen sich mit der Vertrauenswürdigkeit der Initiative, bzw. mit dem Versprechen, dass die gesamten Spenden bei den sozialen Projekten ankommen. Allerdings spricht einiges dafür, dass dies auch stimmt. So wird laut Aussage von Christian Vater selbst die aktuell laufende Werbekampagne nicht über Spendegelder finanziert: „Alle Schaltungen sind uns von unseren Medienpartnern kostenfrei zur Verfügung gestellt worden, weil sie die Initiative unterstützen wollen und so Ihren Beitrag leisten, dass wir zusammen Deutschland ein bisschen besser machen. Sämtliche Kosten werden über Partnergebühren der teilnehmenden Handelspartner abgedeckt. Alle Spendengelder fließen so garantiert zu 100% ohne Abzüge an die ausgewählten Projekte“.

Wer kontrolliert die Spendenaktion „Aufrunden bitte“?

Dies gilt nach Angaben der Initiative auch für die Verwaltung. Auch hier sollen keine Spendengelder hängen bleiben. Die Verwaltungsgebühren zahlen ebenfalls die beteiligten Firmen, also die Supermärkte und Einzelhandelsketten.

Die  gemeinnützigen Organisationen und soziale Projekte, die das Spendengeld erhalten, werden von einer Firma namens „Phineo“ geprüft, die seit 2010 am Markt ist. In den Statuten dieser gemeinnützigen AG heißt es: „Phineo analysiert gemeinnützige Organisationen hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit und des Wirkungspotenzials ihrer Projekte. Eine Phineo-Empfehlung erhalten am Ende der vierstufigen Analyse die Projekte, die besonderes Potenzial haben, nachhaltig in der Gesellschaft zu wirken. In Projektporträts werden Herausforderungen, Handlungsansätze, Resultate und Förderempfehlungen übersichtlich dargestellt.“

Phineo prüft sowohl aufgrund von Informationsmaterial, das ihnen von Bewerberorganisationen zugeschickt wird, als auch von Pflichtunterlagen: „Die Wahl der Informationsmaterialien steht den Organisationen frei, sie können die Materialien übermitteln, die am besten transportieren, was die Organisation erreichen möchte und wie sie dabei vorgeht. Es gibt allerdings einige „Pflichtunterlagen“, dazu gehören z.B. der Freistellungsbescheid, die Satzung bzw. der Gesellschaftervertrag der Organisation sowie die an das Finanzamt übermittelte Rechnungslegung bzw. der Jahresabschluss nach HGB (Handelsgesetzbuch) des letzten vollständigen Tätigkeitsjahres.“

Wie garantiert wird, ob die Supermärkte tatsächlich jeden gespendeten Cent an „Aufrunden bitte!“ abführt, dazu erklärt die Initiative folgendes: „Anders als bei den üblichen Spendendosen im Kassenbereich haben bei uns alle Partner ihre Kassensysteme umgestellt. Sämtliche Buchungen werden somit erfasst und sind komplett nachvollziehbar. Wir erhalten monatlich ein Reporting  dass die Spendensumme und Anzahl der Aufrundungen immer transparent darstellt. Dies wird nicht nur von uns, sondern auch von unabhängigen Wirtschaftsprüfern sowie dem Finanzamt überprüft. Damit können wir zu 100% sicherstellen, dass alle Spenden auch wirklich bei uns ankommen“, so Christian Vater. Der Beleg, dass man gespendet hat, findet sich auf dem eigenen Kassenzettel, dadurch ist die Spende im Buchungssystem des Supermarktes erfasst.

Spendensiegel derzeit noch nicht möglich

[sam id=“65″ codes=“true“]Legt eine gemeinnützige Organisation nicht ihre Finanzen dar, so ist das nach Aussage von Phineo ein Ausschlusskriterium. Aus Spendersicht klingt das erst einmal gut. Anders als das „Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen“, das das seit Jahrzehnten allgemein anerkannte DZI-Spendesiegel vergibt, ist Phineo allerdings erst recht kurz am Markt. Fairerweise muss man hier dazusagen, dass es für neue soziale Projekte in Deutschland nicht möglich ist, ein DZI-Spendensiegel zu bekommen, das geht erst nach zwei Jahren.

Zusätzlich gibt es in der Initiative „Deutschland rundet auf!“ noch ein Kuratorium, dass die Geschäftsführung der Stiftungs-GmbH überwacht. „Es kontrolliert alle Aktivitäten der Geschäftsführung und überwacht die Spendenprojekte. Es beschließt in letzter Instanz über die Mittelvergabe und die Förderhöhe der einzelnen Spendenprojekte“, so die Eigenwerbung. Das Gremium hat mit dem ehemaligen Vorsitzenden der ARD, dem Journalisten Fritz Pleitgen, ein prominentes Gesicht mit guter Reputation.

Wer bekommt die Spenden von der Supermarktkasse?

Die Cent-Spenden gehen laut „Aufrunden bitte!“ ausschließlich an soziale gemeinnützige Projekte. Dieses Jahr stehen Kinder und Jugendliche im Mittelpunkt der Förderung. „Unser Ziel ist es, zur nachhaltigen Lösung gesellschaftlicher Probleme in Deutschland beizutragen, denn Themen wie z. B. Kinderarmut, Jugendgewalt oder mangelnde Chancengleichheit betreffen uns alle“, so der Initiator Christian Vater zum Start der Aktion.

Ganz oben auf der Liste der Empfänger steht die „Eltern-AG“, eine Organisation, die vor allem sozial schwachen jungen Eltern hilft und sie in Erziehungsfragen schult, um so den Kindern ein harmonisches Familienleben zu ermöglichen. Weitere Projekte, die gefördert werden sollen, sind das Spendenprojekt „Klasse2000“, das sich für Gesundheitsbewusstsein, Gewalt- und Suchtvorbeugung bei Grundschulkindern engagiert, sowie das Projekt „Hippy“, das sich für Sprachförderung bei Migrantenkindern einsetzt.

Bisher hat allerdings erst ein Projekt, die „Eltern AG“ Gelder erhalten. Insgesamt 245.000 Euro hat das Projekt bekommen. Geplant sind weitere 264.000 Euro für „Klasse 2000“. Welche weiteren Projekte über die seit März bekannten hinaus, Fördergelder erhalten, ist bislang noch nicht bekannt. Allerdings ist die Erweiterung des Empfängerkreises angedacht. Bisher werden nur Kinder- und Jugendprojekte gefördert.

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7 Kommentare

  1. Meine Frau hat bereits mehrfach aufgerundet an der Kasse, darüber geraten wir immer wieder im Streit wenn ich mal dabei bin beim einkaufen. Die können mir viel erzählen, daß da kein Geld für die Verwaltung und die Gehälter abgezapft werden!!! Am Ende kommt es dann raus wie beim Roten Kreuz mit den Kleidungsspenden, daß doch alles wieder nicht stimmt. So naiv kann man doch mittlerweile nicht mehr sein!

  2. Claudia Pohl

    Na das klingt doch ganz gut mit den Kontrollen. Ich hab schon oft aufgerundet beim Kaufland, vergesse es aber oft im Eifer des Gefechts 🙂 Da sollte mehr Zeit sein und man müsste das auch noch nach dem einkaufen beim bezahlen machen können. Da sagt mir die Kassiererin aber immer jetzt ist es zu spät.

  3. @Klaus-Peter
    Also hat deine Frau bei euch die Hosen an, na das ist doch sehr löblich 😉 Aber ich muss dir recht geben, ich traue dem Braten mit dem Aufrunden auch nicht…

  4. Wieso werden nur Kinder- und Jugendprojekte gefördert? Schon mal was von Altersarmut in Deutschland gehört??? Wer bestimmt überhaupt was gefördert wird?? Kann man sich da bewerben oder kungeln das die feinen Herren von Bertelsmann und ARD unter sich aus?

  5. Ich hab das schon mal gemacht. Denke mal das da so wenig Geld reinkommt hängt auc an den Minischildern an der Kasse. Die sieht man ja kaum. Die Kassiererinnen sind auch immer mürrisch. Man hat fast das Gefühl man stört die wenn man sagt aufrunden bitte!

  6. Ich finde die Aktion gut.
    Es ist Transparenz zu erkennen, man kann anchschauen, wieviel schon aufgerundet wurde, wohin das Geld fließt.
    Das es im Moment nur Projekte für Kinder und Jugendliche gibt, muss nicht bedeuten, dass dies sich nicht mal ändert.
    Es ist doch im Prinzip das gleiche, als wenn man für den Tierschutz spenden würde: wohin soll die Spende gehen – an die hiesigen Tierheime – an die Leute, die sich um Straßentiere in Osteuropa kümmern oder soll die Spende Tierheime in Spanien helfen?
    Irgendwo muss man sich immer entscheiden.
    Ich mach mit!

  7. Nun ist es in Deutschland so, wenn recht viel Leute aufrunden, wieder andere glauben, da ist noch zu viel Geld in den Geldbeuteln und den Deutschen geht es zu gut. D.h. die Preise steigen in absehbarer Zukunft.

    Spenden sollen die Politiker allein, die verprassen ja unseren Staatshaushalt jeden Tag aufs neue…

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